Ernst Herbsts gesammelte Regesten, Urkunden, Texte, Vorträge und Erzählungen zur
Geschichte der Deutschordensritter in ihrer Ballei Sachsen

Otto von Blanckenburg (1535-1605)
Landsknecht, Ordensritter und Junker


3. Erbgesessen auf Schlepkow und Hildebrandshagen

3.1. Der Leichstein des Junkers Henning v. Blanckenburg
3.2. Die Beisetzung Hennings
3.3. Die Hochzeit Ottos
3.4. Ein Denkmal für Jacob
3.5. Kein Denkmal für Joachim
3.6. Der reuige Sünder
3.7. Otto in der Gruft
3.8. Die letzten Blanckenburger

3.1. Der Leichstein des Junkers Henning v. Blanckenburg

Wir kehren zurück in die Kirche zu Hildebrandshagen und lassen den zweiten Leichstein zu uns sprechen.
Auch hier sehen wir einen Ritter in seiner Rüstung, einen jungen Mann. Die Linke stützt er auf die Hüfte, in der Rechten hält er einen Kommandostab - er hatte einen militärischen Rang.
Die Umschrift gibt Auskunft über Stand und Namen des Verstorbenen: Junker Henning von der Blanckenburg, seinen Todestag: 01.03.1592 (a.St.) und seinen Vater: Joachim v. Blanckenburg.
    anno dni 1592 den 1. mertii
    ist der edle ehrbar ehrenveste vnd gestrenger ivncker henni
    ng von der blankenbvrg iochimvs
    son in gott selichleichen enslaffen der sele gott gnedig sei
Die Platte verrät in der rechten unteren Ecke - vom Betrachter aus - das Alter des Verstorbenen und damit auch sein Geburtsjahr: 26 Jahre - also geboren 1565. Die Eckdaten seines Lebens führen die Vermutung ad absurdum, der Stein stelle Ottos Vater Henning v. Blanckenburg dar:
    etatis suae XXVI

Auf dem Stein sehen wir auf jeder Seite neben der Figur des Ritters vier Wappen, jedes von einem Oval umrahmt, auf dem man ein Rudiment des Namens der Familie entziffern kann, der das Wappen zuzuordnen ist.

Die vier Wappen auf der - heraldisch - rechten Seite informieren über die Vorfahren des Vaters. Sie stimmen mit denen auf dem Leichstein Ottos v. Blanckenburg überein - Hennings Vater Joachim war ein Bruder Ottos v. Blanckenburg und hatte dieselben Vorfahren.

Das Wappen oben links, wie auf Ottos Leichstein, ist das des Vaters Joachim, des Großvaters Henning und des Urgroßvaters Reimar v. Blanckenburg, es zeigt im Schild den Widderkopf und im Helmbuschden Pelikan . Von der Umschrift ist nur zu erkennen:
    blankenb
Das Wappen darunter befindet sich auf Ottos Leichstein oben links. Es ist das des Vaters der Mutter, Claus v. Falckenberg und dessen Vater mit den neun Feldern im Schild und fünf Straußenfedern über dem Helm. Von der Umschrift zu entziffern:
    alkenbe

Die beiden nächsten Wappen werden von den beiden oberen durch den waagerecht gehaltenen Kommandostab getrennt. Sie entsprechen den beiden Wappen rechts und links unten auf Ottos Leichstein.

Der Bär im Schild des dritten Wappens könnte auch ein großer Hund mit einem Halsband sein, da war der Bildhauer nicht sehr geschickt.
Der eine, heraldisch nach rechts schwimmende Schwan über dem Helm - bei Otto sind es zwei auf dem entsprechenden Wappen - ist dagegen gut getroffen.
Zweifel an der Identität dieser Familie mit der auf dem Leichstein Ottos beseitigt die Umschrift, die den Namen des Vaters der Großmutter väterlicherseits nennt - von Behr:

    de beren

Im Schild und über dem Helm des untersten Wappens auf dieser Seite sehen wir wie auf Ottos Leichstein je zwei gekreuzte Streitkolben. Dass es das Logo der Familie von Kühlen ist, verrät die Umschrift:

    de kvelen

Die Wappen auf der - heraldisch - linken Seite geben Auskunft über die Vorfahren der Mutter des jungen Mannes, also über die Ehefrau Joachims und die Schwägerin Ottos.
Die beiden oberen Wappen werden von den beiden unteren durch den Ellenbogen des Ritters und sein Degengehänge getrennt.

Das oberste Wappen hat im Schild zwei gekreuzte Streikolben und aus dem Helm wachsend zwei Gebilde, die ebenfalls Streitkolben bedeuten könnten.
Die Vermutung, es handle sich wegen der Ähnlichkeit mit dem Kühlen-Wappen um das Logo der Familie v. Kühlen, wird durch die Umschrift widerlegt:

    de von bisperodt

Der Name ist weder im Internet, noch in einem elektronischen Telefonbuch zu finden - auch nicht in ähnlicher Schreibweise.
Möglich, dass der Name eine Beziehung zur Ortschaft Bisperode im Flecken Coppenbrügge (westlich von Hameln) hat. Das Geschlecht der Biscopincgerothe soll allerdings schon Ende des 15. Jahrhunderts ausgestorben sein.

Die Großmutter der Frau väterlicherseits kam aus einer Familie von Schueten, die hatten im Schild ihres Wappens 14 Felder und über dem Helm zwei Straußenfedern.
Die Umschrift lautet:

    de schveten
Die Mutter der Frau und ihr Großvater heißen v. Biberingen. Im Schild und über dem Helm ist ein geflügelter Helm zu sehen, von der Umschrift ist zu erkennen:
    von beberinge

Erst das letzte Wappen auf der linken Seite gehört zu einem uns inzwischen bekannten Namen. Es ist der Großmutter der Frau mütterlicherseits zuzuorden.
Im Schild ist ein Trink- oder Jagdhorn zu erkennen - wenn man den Namen des Wappenträgers und die Beschreibung seines Wappens kennt, sonst könnte man das Gebilde auch für eine Raupe oder einen gekrümmten Engerling halten.
Über dem Helm ist ein Totenkopf mit zwei gekreuzten Schwertern dargestellt, von denen das - heraldisch - linke die linke Augenhöhle durchbohrt und hinter dem Kopf hervorkommt, das rechte befindet sich hinter dem Schädel.
Die Umschrift verrät, dass der Ur-Urgroßvater, der dieses Wappen führte, ein v. Mandelsloh war:

    von Mandelsl

Die v. Mandelsloh stammten ursprünglich aus der ehemaligen Grafschaft Wölpe im Braunschweig-Lüneburgischen und waren Dienstmänner der Bremer Kirche. Ihre Schildfigur war ein Jagdhorn .


3.2. Die Beisetzung Hennings

Der Leichstein verrät, dass Vater Joachim den Sohn überlebt hat: wenn der Vater schon gestorben wäre, hätte der Steinmetz hinter dessen Namen mindestens die drei Buchstaben sel oder das ganze Wort selig eingemeißelt. Aus Pastor Clements Leichpredigt haben wir bereits erfahren, dass Joachim v. Blanckenburg älter als sein Bruder Otto war, dem er als eines seiner militärischen Vorbilder diente. Wir wissen - der Nachweis folgt später -, dass Joachim und Otto jünger als Jacob waren und dass Jacob 1525 geboren wurde.

Als 1565 sein Sohn Henning geboren wurde, war Joachim noch keine 40 Jahre alt und hatte doch auf verschiedenen Schlachtfeldern schon großen Kriegsruhm, Sold und Beute erworben. Wir erinnern uns an den Bericht über den Krieg in den Dithmarschen.

1580 ließ er die Kirche in Hildebrandshagen erbauen.
Der Anlass dafür könnte die Konfirmation seines damals 14jährigen Sohnes gewesen sein, die auf dem Stammsitz in Hildebrandshagen und nicht in der viel älteren Kirche im Nachbarort Schlepkow gefeiert werden sollte.

In der neuen Kirche wurde 1592 die Leichpredigt auf Henning gehalten. Vater Joachim war Mitte 60 und Henning bis dahin sein einziger lebender Sohn gewesen, vielleicht war Henning ein Einzelkind.
Wir wissen nicht, ob die Mutter ihn überlebt hat - sie war vermutlich jünger als Vater Joachim, vielleicht Mitte 40. In der Leichpredigt für Otto im Jahre 1605 wird sie gar nicht erwähnt.

Wahrscheinlich hatte Henning bis dahin die Hoffnungen erfüllt, die der Vater in ihn gesetzt hatte - den Namen der Familie v. Blanckenburg auch in dieser Generation über die Grenzen der Uckermark und der Kurmark Brandenburg durch Kriegstaten rühmlich bekannt zu machen.
Der Kommandeursstab auf dem Leichstein weist darauf hin, dass er mit 26 Jahren schon die ersten Stufen der militärischen Karriereleiter erklommen hatte - in einem Alter, in dem heutzutage junge Männer an Universitäten anfangen, sich erste Gedanken über das Thema ihrer Magister- oder Diplomarbeit zu machen.
Auf dem Brustharnisch sind zwei runde Platten mit Löwenköpfen auszumachen.

Der Leichstein verrät nicht, ob der junge Mann in einer Schlacht getötet wurde, ob er im zivilen Leben vom Pferd oder von einer Leiter fiel und sich das Genick brach, ob ihn die Pest oder eine andere Krankheit erwischte.
Ob es für den Vater tröstlich gewesen wäre, wenn der Sohn auf einem Schlachtfeld den Heldentod gefunden hätte?
Wir wissen nicht einmal, ob der alte Ritter Trauer empfand, als er die Nachricht vom Tod des Sohnes erhielt. Zeigen durfte er sie gewiss nicht - Trauer ist ein dem christlichen Manne und Ritter unziemliches Gefühl.

Höchstwahrscheinlich war Henning noch nicht verheiratet, als er starb. Das dürfte seinen Vater vor dem Ableben des Sohnes kaum beunruhigt haben - für die Ehe war Henning noch recht jung, Papa Joachim durfte hoffen, seine Enkel noch zu erleben.

Der Titel "Junker" auf dem Leichstein hat vielleicht die Bedeutung von "Jung-Herr", "Junior", im Unterschied zum "Altherren",seinem Vater Joachim. (Die Vermutung, "Jungherr" könnte wie "Jungfrau" auf den Vorehestand hinweisen, wird vom Deutschen Wörterbuch der Gebrüder Grimm nicht unterstützt.)
Der alte Blanckenburg war wohl noch rüstig genug, um die Wirtschaft zu führen.
Wenn Pastor Clement den Otto v. Blanckenburg an einer Stelle der Leichpredigt unseren Junker nennt, spricht er vom adligen Gutsherren, ohne Beziehung auf das Alter.

Zu den Beisetzungszeremonien erschienen vermutlich aus Langeln der Komtur Otto v. Blanckenburg und aus Wiederstedt der sächsische Rittmeister Jacob.
Für die Brüder Joachim, Jacob und Otto als Inhaber des kurfürstlichen Lehens Hildebrandshagen und Schlepkow war eine neue Situation entstanden: sie hatten keinen männlichen Erben mehr, der das Lehen übernehmen konnte.
Jacobs Frau Barbara, eine geborene v. Arnim, hatte ihm zwei Töchter geschenkt und vermutlich ein Alter erreicht, in dem sie ihm keine Hoffnung auf einen Sohn machen konnte.
Otto war als Deutschordensritter ehe- und kinderlos geblieben.
Was sollte aus dem Erbe werden? Sollte man es den feindlichen Vettern in Wolfshagen kampflos überlassen?

Vermutlich entstand in den Pausen, die die Beisetzungszeremonien ließen, der Plan, den Otto als der jüngste Bruder dann umsetzen musste. Die Umsetzung hat Pfarrer Clement in der Leichpredigt auf Otto so beschrieben:

    Endlich hat er das Regiment und die Haushaltung zu Hildebrandshagen und Schlepkow nach seines Vetters , des edlen und ehrenfesten Henning von Blanckenburgs tödlichem Abgang am 7. Oktober Anno 1592 [07.10.1592 a.St.] angefangen und sich fort darauffolgenden 93. Jahres, den 6. Tag des Februar [06.02.1593 a.St.] , und im selben Jahr den Sonntag nach Michaelis, war der 30. September[30.09.1593 a.St.] , auf dem Hause zu ehelich loben , öffentlich vertrauen und beilegen lassen die edle vielehrentugendsame Ursula von Klützow, des gestrengen, edlen und ehrenfesten Otto von Klützow, auf Dedelow erbgesessen, vielgeliebte Tochter.

Zeit war nicht zu verlieren - die Brüder waren die jüngsten nicht mehr, und wenn auch Otto nicht gleich nach Langeln zurück kehrte, wollte Jacob seine Wirtschaft in Wiederstedt nicht der Obhut seiner Frau mit den beiden Töchtern überlassen. Der Weg von Wiederstedt nach Hildebrandshagen war weit, so bald käme man nicht wieder zusammen.
So wurden wohl schon während der Leichenfeierlichkeiten die entscheidenden Absprachen getroffen.

Otto v. Klützow war als Nachbar aus Dedelow nach Hildebrandshagen gekommen, er hatte Joachim sein Beileid ausgesprochen und selbstverständlich an der Beisetzung und am Leichenschmaus teilgenommen.

Otto v. Klützow gehörte einer Familie an, so alt, so lange in der Uckermark angesessen und so angesehen wie die Blanckenburgs, aber merkwürdigerweise bis dahin noch nicht mit ihnen verschwägert.
Er war erbgesessen auf Dedelow - das liegt heute keine 20 km und keine halbe Autostunde entfernt von Hildebrandshagen, auf dem Pferd konnte man eine kürzere Strecke wählen.
Ihm gehörten außerdem das halbe Dorf Kraatz, zwischen Hildebrandshagen und Dedelow gelegen, das halbe Dorf Rackow, Anteile von Falkenhagen, Güstow, Vorwerk und Parmen.
Er war 1527 geboren, war also etwa so alt wie Joachim v. Blanckenburg, und hatte noch vier und ein halbes Jahr zu leben - was er nicht wusste, womit er aber rechnen musste.
Seit 1555 war er mit Ursula v. Flaus aus dem Hause Willbritzen verheiratet, der Tochter des Oberhauptmanns Bartel v. Flaus auf Schmargendorff.
Es scheint, dass das Ehepaar lange üben musste, bevor 1564 das erste Kind geboren wurde, ihre Tochter Margaretha.
Dann folgte 1567 der einzige Sohn Liborius, der war also zwei Jahre jünger als Joachim v. Blanckenburgs Sohn Henning.
1569 erblickte Dorothea v. Klützow das Licht der Welt, 1571 Ursula und 1573 Anna.

Denkbar und eine plausible Erklärung für den weiteren Fortgang der Geschichte wäre es schon, dass Ursula v. Klützow dem sechs Jahre älteren Henning v. Blanckenburg versprochen, aber noch nicht mit ihm verheiratet gewesen war.
Jetzt war sie mit 22 Jahren zwar noch nicht alt, aber vermutlich nach dem Ableben eines Verlobten nicht mehr so leicht standesgemäß zu vermitteln. (Wenn die Auftraggeber für den vier Meter hohen Stammbaums derer v. Klützow gründlich recherchiert habe, sind ihre Schwestern ehelos geblieben.)
Für die Gebrüder Blanckenburg und für Vater und Sohn Klützow wäre es dann naheliegend gewesen, dass Onkel Otto an die Stelle seines Neffen Henning trat.
Ursula v. Klützow hatte vielleicht Bedenken - der ihr nun zugedachte Ehemann war immerhin schon 57 Jahre alt, 36 Jahre älter als sie. Aber wenn wir Pfarrer Clements Worten trauen dürfen, war es auch für sie eine akzeptable Lösung.

Vermutlich hat Otto v. Klützow im Interesse der Ehre seiner Tochter darauf bestanden, dass Otto in Ehren aus dem Deutschen Orden ausscheiden würde, bevor die Ehe geschlossen und vollzogen wurde.
Otto v. Blanckenburg wird seinerseits darauf bestanden haben, dass seine und die Zukunft seines Stammes durch einen Ehevertrag gesichert wurde, bevor er die Karriere im Orden aufgab.Wahrscheinlich war der Ehevertrag, das wichtigste Ergebnis eines Verlöbnisses, die Voraussetzung für die ehrenvolle Entlassung aus dem Orden.

So lässt sich die Abfolge der Ereignisse erklären, die Clement etwas unverständlich mit den Worten beschreibt, Otto habe sich
    darauffolgenden 93. Jahres, den 6. Tag des Februar, und im selben Jahr den Sonntag nach Michaelis, war der 30. September, auf dem Hause zu Dedelow ehelich loben, öffentlich vertrauen und beilegen lassen...

Man sollte das wohl so auslegen: am 06.02.1593 wurde der Ehevertrag geschlossen - ein großes Ereignis, an dem die Verwandten beider Seiten teilnahmen -, und am 30.09.1593 wurde die Ehe geschlossen und vollzogen.
Beide Familienfeste fanden in Dedelow statt. Dort war die Braut zu Hause, der Brautvater richtete das Fest aus - das war so beim Adel und das war nicht anders bei den Bauern.
Die Kirche in Dedelow, der Ort der Trauung, dürfte schon damals so ausgesehen haben wie heute, und die Einrichtung hat sich auch kaum verändert.

Wir wissen schon, dass die Nachricht von der Entlassung Blanckenburgs aus dem Orden den Landkomtur Lossow am 09.09.1593 erreichte.
Ob Otto v. Blanckenburg die Nachricht in Langeln oder in Hildebrandshagen erhielt, lässt sich nicht feststellen.
Jedenfalls haben er, sein künftiger Schwiegervater und seine Braut nicht gezögert und schon am 30.09.1593 die Hochzeit gefeiert.
Bruder Jacob ist vermutlich mit Frau und Töchtern erschienen. Ob Johann v. Lossow und andere Ordensritter ihre Aufwartung machten, ist nicht überliefert.
Man darf aber kaum daran zweifeln, dass es ein großartiges Fest war, das sich über mehrere Tage hinzog und bei dem Unmengen an Fleisch, Wein und Bier vertilgt wurden.

Es scheint, dass Joachim v. Blanckenburg sich nach dem Tode seines Sohnes aufs Altenteil zurückzog und seinem Bruder Otto das Regiment und die Haushaltung zu Hildebrandshagen und Schlepkow überließ.

Seinen ehelichen Pflichten ist Otto gewissenhaft, mit Eifer und Effizienz, und vermutlich auch mit vielem Vergnügen nachgekommen.
Pfarrer Clement versichert uns in der Leichpredigt glaubhaft, Otto habe mit seiner Frau Ursula
    zwölf Jahre weniger sieben Wochen, die sie sehnliche Liebesbande im ehelichen Stande in großem Frieden, beständiger Treue und Liebe besessen und Gottes wunderbaren Segen nicht allein an zeitlichen Gütern, sondern auch den gewünschten ehelichen Segen (im 128. Psalm gottesfürchtigen Eheleuten versprochen: Dein Weib wird sein wie ein fruchtbarer Weinstock um dein Haus herum und deine Kinder wie die Ölpflanzen um deinen Tisch her) mild empfangen und gespürt haben, weil ihm der vielgnädige Gott von ihrer beider adligen Geblüt fünf Töchter und einen Sohn, die edlen und vieltugendsamen Catharina, Liboria, Ursula, Anna, Margarita von Blanckenburg, Geschwestern, und Henning von Blanckenburg hat geboren werden lassen, welche durch Gottes Gnade noch alle am Leben und heute neben ihrer herzlieben Mutter ihres seligen Vaters tödlichen Abgang mit Tränen und großer Wehmut betrauern und beseufzen.

3.4. Ein Denkmal für Jacob

Zehn Jahre zuvor gab es einen anderen Mann zu betrauern und zu beseufzen.

Am 18.02.1595 starb der kursächsische Amtshauptmann und Rittmeister Jacob v. Blanckenburg.
Ob seine beiden Brüder, Joachim und Otto, die weite Reise trotz winterlichen Wetters auf sich genommen haben? Ob Joachim wegen seines hohen Alters zu Hause blieb? Wir wissen es nicht.
Wir kennen auch die Leichpredigt für Jacob nicht - könnten aber ihren Inhalt weitgehend rekonstruieren.

Wenn wir nach Wiederstedt fahren und die ehemalige Klosterkirche besuchen, sehen wir an einer Wand ein bemaltes Hängeepitaph und an eine Wand gelehnt einen Leichstein für Jacob v. Blanckenburg.
Der Leichstein stammt mit Sicherheit aus einer anderen Werkstatt als der Leichstein Ottos.
Höchst ungewöhnlich daran ist: der vollbärtige Ritter ist im Harnisch, den Helm - heraldisch - rechts zu Füßen, die Rechte erhoben mit einer Streitaxt oder einem Streitkolben, in einer plastisch wirkenden gut ausgeführten Ritzzeichnung dargestellt.
Die Umschrift ist noch zu entziffern:

[oben] ao 1595 den 18. februar ist
[rechts] der edle gestreng vnd ernveste jacob
[unten am 27.03.2007 von Bauschutt verdeckt, wahrscheinlich:] von Blanckenburg chvrfürst
[links] licher her rittmeister selig entschlafen dem got gnade

Der Stein entstand um das Jahr 1595, möglicherweise ließ ihn der Rittmeister schon vor seinem Tode anfertigen. Im Magdeburger Dom gibt es dafür Beispiele aus jener fernen Zeit.
Wenn das der Fall war, stand die Platte in der Kirche, als sich die Trauergemeinde am Sarge zusammenfand, um dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen.

Das verhältnismäßig gut erhaltene, wenn auch restaurierungsbedürftige Epitaph zeigt Jacob und seine Frau Barbara knieend und betend, rechts und links die Ahnenwappen der Eheleute.
Die Wappen Jacobs auf der - heraldisch - rechten stimmen mit denen auf den Leichsteinen Ottos, Hennings (soweit sie die väterlichen Vorfahren betreffen) in Hildebrandshagen überein.
Jacob, Joachim und Otto hatten also dieselbe Mutter, was bei den vielen Geschwistern und dem Nachgeborenen Otto nicht ganz selbstverständlich ist - Vater Henning könnte ja zwei oder mehr Ehefrauen nacheinander gehabt haben. Im Unterschied zu den beiden Leichsteinen in Hildebrandshagen sind die Wappen in Wiederstedt bemalt, die Farben allerdings schon so stark verblichen oder abgeblättert, dass sie nur noch auf wenigen Wappen zu erkennen sind. Auch die Namen der Familien über den Wappen sind nur ausnahmsweise zu lesen. Da muss man auf die Restaurateure und die Restaurierung des Epitaphs hoffen.
Die Farben im Schild der Familie v. Falckenberg sind gut erhalten - vier rote Felder bilden ein Kreuz, die Felder in den Ecken und in der Mitte sind weiß.
Der Bär im Wappenschild der Familie v. Behr trägt wie auf dem Stein Hennings v. Blanckenburg ein Halsband, aber keine Schwäne (wie auf Ottos Stein). Die beiden Schwäne über dem Helm sehen aus wie die auf Ottos Leichstein - bei Henning ist nur einer zu sehen.
Im Zentrum des Epitaphs knien der geharnischte Jacob (heraldisch rechts) und seine in ein langes Faltengewand gekleidete Frau Barbara mit einer helmartigen Frisur vor einem Kruzifix. Auf dem Hintergrund des Kruzifixes sind in roter Farbe zwei Sprüche kaum noch zu erkennen. Heraldisch rechts könnte es heißen:

Psalm 57,2. Bei dir, Gott, ist mein leben geborgen.
Auf der linken Seite besser zu lesen:
Psalm 31,16. Meine zeit stehet in deinen händen.

Für uns ist die Inschrift auf dem Stein, der die Figuren trägt, interessanter:

    zv ehrn vnd gedechtnis des gestrengen vn ern
    vhesten jacob vo blanckenbvrgk weiland chvrf. bestel
    ten rittmeisters erbsass vf hildbrandshagen inhaber des
    closters welcher ao 1595 den 18 febr seins alter von 70 jar
    in chro seliglich entschlafen. haben die nachgeborenen
    bruder iochim vnd otto v b vnd witib barbara von
    arnim dieses epitaphium vorfertigen lassen. gott wolle
    ime eine froliche avfersthung gnediglich vorsehen.

Dieser Text liefert eine Fülle von Informationen, die anderswo nicht zu finden sind:
1. Jacob wurde 1535 geboren, er starb am 18.02.1592
2. Er war kurfürstlich sächsischer Rittmeister.
3. Er besaß das ehemalige Klostergut Wiederstedt.
4. Seine Brüder Joachim und Otto wurden nach ihm - nach 1535 - geboren.
5. Seine Brüder Joachim und Otto lebten im Februar 1592 noch (sonst hätten sie das Epitaph nicht stiften können).
6. SeineWitwe Barbara war eine geborene v. Arnim.
7. Die Brüder und die Witwe waren wohlhabend genug, das aufwändige Epitaph zu finanzieren.
8. Die Witwe ließ ihre Figur auf dem Epitaph darstellen, aber nicht die Figuren ihrer beiden Töchter - was immer das bedeuten mag. (Waren sie verheiratet und fanden deshalb keinen Platz auf dem Grabmal des Vaters?)

Schaut man sich in der Kirche um, entdeckt man ein einfaches Epitaph mit der Figur einer jungen Frau. Die lebendige Gestaltung ihres Gesichts steht in einem merkwürdigen Gegensatz zur starren Körperhaltung und der einfallslosen Gestaltung ihrer Kleidung.
Die Inschrift lautet:

    anno 1575 den 15 octobris ist die edle
    jungfrawe catharina von arnim gestorben
Catharina war sicherlich die Schwester Barbaras und die Schwägerin Jakobs v. B., die aus welchem Grunde auch in Wiederstedt gestorben ist.
Nicht auszuschließen ist, dass der Rittmeister mehr auf Kriegszügen als zu Hause war und Barbara eine Vertraute aus Norddeutschland brauchte, mit der sie in ihrem heimatlichen Platt über Gott und die Welt schwatzen konnte.

Einer der Nachkommen Jacobs war der preußische Staatsminister Karl August Fürst v. Hardenberg, an dessen Reformen das Denkmal in Wolfshagen für die Reformer Stein und Hardenberg erinnert - der Ruhm freilich wird dem preußischen König zugeschrieben. So schließt sich ein Kreis von den ganz alten Blanckenburgs aus dem Hause Wolfshagen zu einem ihrer Nachfahren.

Ein anderer Nachkomme Jacobs und seiner Vorfahren war Georg Philipp Friedrich Freiherr von Hardenberg, geboren 1772 in Oberwiederstedt, gestorben 1801 in Weißenfels. Bekannt geworden ist er als romantischer Dichter unter dem Namen Novalis.
Er soll schon als Elfjähriger beim "Onkel Großkreuz" eine Portion Romantik aufgesogen haben.
Onkel Gottlob Friedrich Wilhelm v. Hardenberg war Landkomtur der Ballei Sachsen des Deutschen Ordens und wohnte in der Burg der Kommende Lucklum. So schließt sich ein anderer Kreis - vom Komtur Otto, dem Bruder Jacobs, zum Landkomtur Hardenberg, dem Onkel des Dichters.

3.5. Kein Denkmal für Joachim

An Joachim v. Blanckenburg erinnert nur der Leichstein, den er selbst für seinen Sohn Henning anfertigen ließ und auf dessen Umschrift er seinen Namen unterbrachte.
Sein Bruder Otto hat ihm kein Epitaph angefertigen lassen. Das verstärkt die bereits geäußerte Vermutung, dass Joachims Frau vor ihm und vor ihrem gemeinsamen Sohn gestorben ist - die hätte sicherlich Wert auf ein Denkmal gelegt.

Nun ist es auch möglich, dass Otto dem Bruder ein anderes Denkmal setzte - immerhin war er der Alleinerbe der Güter in Hildebrandshagen und Schlepkow.
Solch Denkmal könnte die Kirchenkanzel in Hildebrandshagen sein, die 1597 gestiftet wurde. Dann wäre Joachim in jenem Jahr gestorben.
1599 wird Otto in einer Urkunde als alleiniger Besitzer des Ortes Hildebrandshagen mit der Ober- und der Niedergerichtsbarkeit, mit Kirchlehen, Fischerei und Holzung genannt.

3.6. Der reuige Sünder

Über das letzte Dutzend Jahre im Leben Ottos v. Blanckenburg hat sich Pfarrer Clement in der Leichpredigt in aller Breite und in weiten Passagen mit dunklen Andeutungen ausgelassen.
Der Verdacht liegt nahe, dass der Pastor mit seiner Leichpredigt verfuhr wie der Autor dieses Berichts: als erfahrener Redner, der die Geduld seiner Zuhörer nicht über Gebühr strapazieren wollte, beschränkte er sich in der Hildebrandshäger Kirche auf eine kurze Rede. Dann setzte er sich zu Hause hin und machte daraus einen druckreifen Text.

Pastor Clement kommt, wie es seines Amtes ist, immer wieder auf die Frömmigkeit zu sprechen, die den alten Otto in seinen letzten Jahren erfüllt und umgetrieben hat. So schreibt er:

    Unser seliger Junker hat in seinem zwölfjährigen Ehestande allen seinen Sachen, seinem Vornehmen, Leben und Wandel die Gottesfurcht zum Fundament und zur Grundfeste gelegt. Er hat Gottes Wort in großen Ehren gehalten, fleißig gelesen, gehört und nachgeforscht, und sich durch niemand und nichts am Hören und Betrachten desselben verhindern lassen, hat des Herrn Abendmahl mit Andacht und wahrem Glauben oft empfangen, damit sein Glaube durch diese Mittel täglich gemehrt, gestärkt, befestigt und erhalten würde.
Er ließ es nicht dabei bewenden, selbst ein frommes Leben zu führen. Wie jeder rechte Konvertit wurde er missionarisch tätig:
    Und dass sein Glaube durch die Liebe tätig sein möchte, hat er seinem Herrn Christus auch andere zugeführt, nämlich seine herzlieben Kinderlein zum christlichen Gebet, sein ganzes Hausgesinde und alle seine Untertanen, auch wer Fremdes zu ihm gekommen, zum wahren Gottesdienst und zur Anhörung göttlichen Wortes ernstlich angehalten.
Wir hatten schon eingangs unseres ausführlichen Berichts die begründete Dankbarkeit des Pastors erwähnt. Nachdem wir erfahren haben, wie Otto der Komtur auf Kritik reagierte, gewinnen die Worte über die Wirkung von Bußpredigten des Pfarrers ein ganz neues Gewicht. Dabei bleibt verborgen, was Gottes Wort in der Gemeinde zuwider gewesen ist.
    Seinen Seelsorger hat er mit den leiblichen Gütern treu und dankbar versorget, ihn wie ein rechter Pflegevater gespeiset und genähret, ihm und all den Seinen guten Willen und günstige Beförderung gezeigt, durch die ernsten Bußpredigten nicht zum Zorn, sondern vielmehr zu ernster Besserung bewegen lassen und abgeschafft, was Gottes Wort in der Gemeinde zuwider gewesen.

Wenn hier von Unstimmigkeiten theologisch-kirchlichen Charakters die Rede sein sollte, so deutet dagegen die folgende dunkle Stelle der Leichpredigt auf ein weltliches Ereignis in der Vergangenheit des Ritters hin:.

    Weil auch die, so wahrhaftig im Herzen glauben, mit dem Munde bekennen, so hat ihm sein inwendiger Glaube das auch zum Munde ausgetrieben, dass er erst Gott im Geheimen und allein, danach mir auch in der Beichte seine Sünde von Herzen bekannt und um Vergebung derselben demütig gebeten

Bedeutet seine Sünde alles, was er im Leben gesündigt hat?
Erschienen ihm im Schlaf die beraubten, vergewaltigten und erschlagenen Frauen mit ihren Kindern, die ihn auf seinen Kriegszügen vergebens um Gnade und Erbarmen angefleht hatten?
Oder gab es eine besondere Sünde zu bereuen?
Ist ihm in seinen Albträumen jemand erschienen, den er um geringer Ursache willen im Jähzorn erschlagen hat?

    Er hat die Untertanen mehr mit Worten als mit Gefängnissen zum Gehorsam gehalten, sie über seine Pflichten hinaus gespeist und getränkt, ihnen in Teuerungen ohne allen Wucher und Gewinst ausgeholfen, Korn geliehen und Scheffel für Scheffel [also ohne Naturalzins] wieder genommen, damit sie den übersetzigen Wucherern nicht in die Hände geraten sollten.

Seine Zeit im Deutschen Orden, zuerst als Hauskomtur in Lucklum, dann in den vielen Jahren als Komtur in Langeln, hat ihn zu einer rationalen Wirtschaftsführung befähigt - er wusste schon, was mancher kleine und große Unternehmer der Gegenwart nicht begreift, dass Druck allein keine Höchstleistungen der Abhängigen hervorbringt, und dass es der Herrschaft und der Wirtschaft sehr abträglich ist, wenn die Untertanen bei anderen Herren in Schulden geraten. Mit Frömmigkeit muss das gar nicht begründet werden.

    In weltlichen Händeln hat er ohne Ansehen der Personen der lieben Wahrheit und Gerechtigkeit zur Steuer , seine Meinung kurz und geradezu, ohn allen Schein und Heuchelei dargegeben, und bei ihm ist ja - ja, und nein - nein gewesen.

Wir dürfen wohl dem Pfarrer Clement die aufs Wort glauben, was er über Ottos Verhalten gegenüber hochgestellten Personen sagt. Genau dieses Verhalten hatte ihn in der Kommende Langeln immer mal wieder in Schwierigkeiten gebracht.

    Weil der Satan um ihn und die Seinen hergegangen ist wie ein brüllender Löwe und gleich Wind und Meer Freunde und Feinde wider sie rege gemacht, ihnen das Leben beschwerlich gemacht und Gut und Nahrung beeinträchtigt, sein Recht in Galle und die Frucht der Gerechtigkeit in Wermut verwandelt hat, blieb er nicht ohne Anfechtung, sondern wurde erprobt und musste lernen, aufs Wort [Gottes, d.h. seines Pfarrers zu hören. Doch hat ihm der Heilige Geist bei der Anfechtung Geduld in sein Herz gepflanzt, dass er solche Widerwärtigkeit als eine väterliche Rute und Züchtigung des Herrn aufgenommen hat.

Leider bleibt dunkel, was da in blumiger Sprache gesagt und gedruckt wurde.
Offensichtlich waren die Jahre in Hildebrandshagen keine Zeit der beschaulichen Ruhe, in denen der alte Ritter sommers mit den Freunden und Verwandten gemeinsam auf dem Fürstenwerderschen See angelte und fischte, im Herbst auf die Jagd ging und winters am Kamin über seine Abenteuer berichtete, wie 200 Jahre später ein anderer Offizier und Gutsbesitzer, der Lügenbaron Karl Friedrich Hieronymus Freiherr von Münchhausen in Bodenwerder.
Er hatte Freunde und Feinde - wobei das Wort Freundschaft damals auch für Verwandtschaft stand - und mit ihnen gab es "Irrungen" wie weiland in Langeln über wirkliche und vermeintliche Rechte.
Die Worte in der Leichpredigt lassen vermuten, dass Otto sich wie einst immer im Recht fühlte, nur dass er jetzt nicht mehr kämpfte, sondern das ihm angetane Unrecht murrend ertrug und dafür Satan und den lieben Gott verantwortlich machte.

    Darauf hat er seinem Gott mit unablässigem und anhaltendem Gebet neben seinen Kinderlein und der ganzen Gemeinde stets in Ohren gelegen, von Herzensgrunde um Vergebung der Sünden, um Friede, Rat, Trost und Beschützung in aller Widerwärtigkeit ernstlich gebetet, wozu er bei gesundem Leibe seine Betzeit gebraucht und oft früh morgens, wenn andere noch im Schlaf gewesen sind, vor Gott erschienen ist, und dass er darauf merken wollte, herzlich geseufzet, welches Gott auch gnädig erhört und ihm Friede verschafft zu seiner Zeit.

Es scheint, dass er jedes Ungemach seiner späten Jahre als eine Strafe für früher begangene Sünden empfand. Wie es Herrenart ist, mussten die von ihm Abhängigen sich mit ihm zusammen für die Rettung seines Seelenheils einsetzen.
Er hat am Ende wohl wie auch sein Pfarrer geglaubt, dass die letzte Instanz ihm Vergebung seiner Sünden gewährt hätte.

Die Beschreibung seiner letzten Tage und Stunden wollen auf Wesentliches verkürzern, ausführlich kann sie in der Leichpredigt nachgelesen werden.
Otto v. Blanckenburg erkrankte am 30. Juli an einer hitzigen, jetzt regierenden neuen Krankheit, die hohes Fieber und Durst verursachte und ihn ins Bett zwang.
Seine Frau Ursula pflegte ihn Tag und Nacht, sie hat nichts an fleißigem Bewachen, Speisen, Tränken, Warten und Pflegen fehlen lassen - merkwürdigerweise ist von einem Arzt nicht die Rede.
Am 11. August musste sie die Hoffnung auf seine Genesung aufgeben und sandte Boten nach Dedelow zu ihren Brüdern Joachim und Liborius von Klützow und nach Holzendorf zu Ottos Schwager Adam von Holtzendorff.
Die erschienen unverzüglich in der Frühe des 12. August.
Der Sterbende bat sie mit Wehmut und kurzen Worten, seinen herzlieben Ehegenossen und Kinderlein treu zu sein - was immer das rechtlich bedeuten mochte.
Dass er selbst bestimmen wollte, wer der Vormund seiner Frau und der Kinder werden sollte, liegt nahe. Aber warum bestellte er dann drei Männer zu sich? Oder gehörten seine Schwäger zu den "Freunden", mit denen er im Streit gelegen hatte, und er wollte sie auf dem Sterbebett versöhnen? Pastor Clement ist diskret und macht nicht einmal eine Andeutung.
Am 13. August ging es früh morgens um 2 Uhr zu Ende. Frau, Kinder, Schwäger und Pfarrer versammelten sich um sein Bett, der Pastor verrichtete das übliche Ritual, der Sterbende segnete Weib und Kinder und schlief morgens früh zwischen drei und vier Uhr, seines Altes im 70. Jahr fein still, sanft und selig ein.

3.7. Otto in der Gruft

Die Trauergemeinde am Sarge des Ritters Otto ist allmählich ungeduldig geworden. Sie atmet auf, als Pastor Clement zu den letzten Sätzen ansetzt, die mit der Aufforderung beginnen:
    Den Leib wollen wir nun in sein Ruhekämmerlein beisetzen und uns dabei erinnern, dass wir heute oder morgen auch den Weg aller Welt gehen müssen.

Uns gibt der Satz ein letztes Rätsel auf: Wurde Otto v. Blanckenburg in der Kirche zu Hildebrandshagen beigesetzt?
Wer jeden Leichstein für einen Grabstein hält, wird das annehmen. Aber Leichsteine dienten nicht immer als Grabsteine.
In der Kommendekapelle in Bergen stehen mindestens zwei von vier Gedenksteine für Männer, deren Leichname an anderen Orten beigesetzt und auch dort mit einem Epitaph geehrt wurden.

Die Kirche in Hildebrandshagen war erst um 1580 erbaut worden. Es ist die älteste Fachwerkkirche der Uckermark , und es ist unwahrscheinlich, dass eine ältere Kirche abgerissen wurde, um Platz für den Neubau zu schaffen.
Wenn es keine ältere Kirche gab, dann gab es auch keine Familiengruft in der Kirche.
Aber Pastor Clement ließ auf das Titelblatt der Leichpredigt drucken:

    Welcher[Otto v. Blanckenburg] zu Hildebrandshagen ... selig eingeschlafen und ... hernach daselbst in seiner Vorfahren Grab christlich und ehrlich ist beigesetzt.

Wo befand sich die Gruft der Väter, das Ruhekämmerlein für seinen Vater Henning, der vermutlich 1550 gestorben war, vielleicht schon für den Großvater Busso und seine Frau, für Vater Hennings Frau Liboria, geborene v. Falckenberg, für den Neffen Henning, für seinen Bruder Joachim?
Es ist wenig wahrscheinlich, dass es in Hildebrandshagen einen Friedhof gab, bevor die Kirche erbaut wurde. Begraben wurde in den alten Zeiten bei der Kirche, irgendwann wurde der Raum umzäunt und zum Kirchhof. Das war der Friedhof.
Die Kirche der Hildebrandshäger stand in Schlepkow. So kann man nur vermuten, dass die Hildebrandshäger Blanckenburgs nach der Abspaltung von den Wolfshägern ihr Haus zu einer Burg mit Burgkapelle ausbauten und dort ihre Familiengruft einrichteten.

3.8. Die letzten Blanckenburger

Ottos einziger Sohn war zum Stammhalter bestimmt.
Er hieß Henning, wie sein Großvater, sein Onkel, sein Vetter und zahlreiche Blanckenburgs seit jenem Henning, der im Jahre 1302 in einer Verhandlung mit dem Greifenherzog Otto I. v. Pommern-Stettin den askanischen Markgrafen von Brandenburg Otto IV. vertrat - den "mit dem Pfeil", der ihm bei der Belagerung Staßfurts sustainable in den Kopf geschossen wurde.
Ottos Sohn Henning war wohl der letzte dieses Namens, denn er hat sich nicht als Stammhalter bewährt. Von ihm ist weder in alten Dokumenten noch in alten Kirchen eine Spur zu finden, Erwähnung findet er nur in der Leichpredigt für seinen Vater.

Als nach dem Dreißigjährigen Krieg die Besitzungen der Blanckenburgs an die v. Schwerin übergingen, gab es von der uckermärkischen Linie wohl nur noch einen Jürgen auf Wolfshagen. Der hatte Schlepkow und Hildebrandshagen mit Wolfshagen wiedervereinigt.
Er gilt in der Überlieferung trotz des Wiedervereinigungserfolgs - oder gerade deswegen - als jener Mann, der den uralten ausgedehnten Familienbesitz auf den Hund brachte und veräußern musste.

Dagegen erscheint Otto in der Leichpredigt, in der Sage vom Wunderhammer und in den Überlieferungen über den Kirchenbau und die Kircheneinrichtung als der gute Ritter, der treusorgende Familienvater und der väterliche Herr seiner leibeigenen Leute.

Was uns an Lukas 15,7 erinnert, in Luthers Übersetzung:

    Ich sage euch / also wird auch freude im Himel sein / vber einen Sünder / der busse thut / fur neun vnd neunzig Gerechten / die der busse nicht bedürffen.

Anmerkungen

  • 361 Ein Kommandostab ist ein Stab, der von Feldherrn und Offizieren als Insignien ihrer Befehls- und Kommandogewalt sowie ihrer Würde getragen wird. Im Mittelalter entwickelten sich diese Stäbe unter anderem zum Marschallstab, aber auch zum Königszepter und Zeremonienstab. Feldherren wie Wallenstein trugen den Stab als Zeichen ihrer Kommandogewalt. Gleichzeitig entwickelten sie sich aus den Streitkolben zurück zu kleineren, rein symbolischen Stäben mit Kolbenende. ... Während und nach der Renaissance wurden Kommandostäbe auch von niederen Kommandeuren getragen. Sie dienten in einer einfachen Form als Holzstab oder Peitsche auch der Züchtigung der unterstellten Soldaten. [Wikipedia: Artikel "Kommandostab] [Zurück]
  • 362 31863 Bisperode Wikipedia: Artikel "Bisperode [Zurück]
  • 363 Schwichow 1992 [Zurück]
  • 364 Grimm: DWB, Artikel "Junker"[Zurück]
  • 365 JUNKER: häufig heiszt junker auch der edelmann schlechthin, ohne rücksicht auf das altersverhältnis, der adliche gutsherr. [Grimm: DWB] [Zurück]
  • 366 VETTER: 1) die ursprüngliche bedeutung ist 'vatersbruder' (vgl. vetterkind); sie hält sich auch, nachdem eine freiere anwendung daneben üblich wird... 2) die erweiterung der bedeutung geht sowohl von patruus [Vaterbruder, Oheim] wie von avunculus aus [avunculus: der Oheim als der Mutter Bruder, hingegen patruus: der Oheim als des Vaters Bruder. LDHW Bd.1, S. 767] , indem zunächst deren söhne eingeschlossen werden; dann wird der gebrauch noch freier, so dasz vetter jeden männlichen verwandten bezeichnen kann; so nennt z. b. auch der onkel, die tante den neffen vetter, wie der onkel selbst der vetter des neffen ist; auch der bruder des groszvaters wird mit vetter bezeichnet... [Grimm: DWB] [Zurück]
  • 367 D-17291 Dedelow (8 km nw von Prenzlau, 18 km ö von Hildebrandshagen). Stammtafel der Familie von Klützow [Zurück]
  • 368 EHELICH LOBEN: verloben, die Verlobung, das Verlöbnis schließen; die Ehe versprechen und den Ehevertrag schließen. Insofern hatte die Vverlobung eine größere Bedeutung, als die eigentliche - kirchliche - Eheschließung. [Zurück]
  • 369 VERTRAUEN: hier "statt des heutigen trauen, besonders von der kirchlichen trauung" [Grimm: DWB] [Zurück]
  • 370 BEILEGEN: zu einem legen, an eines seite legen, namentlich zum beischlaf [Grimm: DWB] [Zurück]
  • 371 SEHNLICH: verlangend, heftig begehrend [Grimm: DWB] [Zurück]
  • 372 Jakob v. Blanckenburg (1525-1595). Eine fiktive Leichpredigt. [Zurück]
  • 373 D-06333 WIEDERSTEDT Bez. Halle, Landkreis Mansfeld-Südharz. Ehemaliges Augustinerinnen-Kloster. Kloster-Kirche: Epitaph aus Stein für J. V. Blanckenburg, 1595, in architektonischer Rahmung Relief des Verstorbenen, mit Frau vor dem Kruzifix kniend, Allegorien und Beschlagwerk. [Dehio 1976 S.491] [Zurück]
  • 374 Schulz 1996 [Zurück]
  • 375 Langanke/Stocks 1996 [Zurück]
  • 376 ÜBERSETZIG: "ü. sein" = in lohnforderungen unbillig sein; "zu übersetzen" = überfordern [Grimm: DWB] [Zurück]
  • 377 STEUER: unterstützung, hilfe, beistand. [Grimm: DWB] [Zurück]
  • 378 Clement 1605 [Zurück]
  • 379 Schwerin [Zurück]
  • 380 Im Lehnbrief von 1550, mit dem alle in der Leichpredigt genannten Söhne Hennings mit Hildebrandshagen belehnt wurden, wird ausdrücklich vermerkt, dass Henning zu den "Seligen" gehörte [LHABB Rep.78 Kop.35 S.154r ff.] [Zurück]
  • 381 Enders 1992 S.99[Zurück]
  • 382 OTTO I. Herzog von Pommern-Stettin (*1344). Am 26. August 1302 schlossen sich die norddeutschen Fürsten zu einem Bündnis gegen Rostock und das Land Stargard zusammen. Zu diesem Bündnis gehörten auf Seiten der Mecklenburger der Fürst von Rügen und auch der dänische König Harkon IV. Auf Seiten Brandenburgs nahmen die Pommern und der Bischof von Cammin teil. [Madsen 2000] [Zurück]
  • 383 Wikipedia: Artikel "Otto_IV. (Brandenburg)" [Zurück]
  • 384 "Nach dem Tod Otto v. Blanckenburgs, des Gutsherrn von Hildebrandshagen und Schlepkow, 1605 und des Jürgen von Blanckenburg auf Wolfshagen vereinte Hans von Blanckenburg auf Wolöfshagen nach 1608 den Gesamtbesitz in seiner Haand, indem er die Anteile seiner Vettern Otto und Poppo aufkaufte. Er und seine Familie gehörten damals zu den größten Grundbesitzern der Uckermark. ... Hans von Blanckenburg war jedoch gezwungen, die Schulden seiner Vettern zu übernehmen und war schließlich so überschuldet, dass er mit kurfürstlichem Konsens all seine Güter verpfänden musste. Der Erbe seiner Güter einschließlich Fürstenwerders und vor allem seiner Schulden wurde sein Sohn Georg auf Wolfshagen." [Schwerin/Bleich 2007. S.15f.] [Zurück]
  • 385 Luther 1545 Lukasevangelium 15, 7[Zurück]

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    Deutscher Orden

    Ballei Sachsen im 16. Jh.

    Johann v. Lossow

    Otto v. Blanckenburg

    Nachruhm und Nachlass
    1. Kindheit, Jugend, erste Mannesjahre
    2. Ritterbruder und Komtur des Deutschen Ordens
    2.1. Ottos Aufstieg in der Ballei Sachsen
    2.2. Nachbarliche Irrungen
    2.3. Die Prozesse des Komturs
    2.4. Aus Irrungen wird eine Fehde
    2.5. Der Friedensvertrag von Wernigerode 1589
    2.6. Ehrenvoller Abschied vom Orden
    3. Erbgesessen auf Schlepkow und Hildebrandshagen

    Gegenständliche Quellen
    Archivalien
    Abkürzungen und Literaturquellen zum Text
    Alle Anmerkungen

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    Letzte Änderung 08.09.2007

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